Die Leidensfrage

Depressionen, Schmerz, Krankheit, Elend, Krieg, Flucht, Verlust und Trauer.

Leid.

Jeder von uns konnte mindestens ein Wort aus den oben genannten Wörtern finden, wenn nicht zwei, drei oder gar mehr, welche sie oder er auf sich beziehen konnte. Jeder von uns ist hier und dann mal mit Leid konfrontiert. Genauso, ist auch für jeden von uns, die Definition von Leid etwas anderes. Das Empfindungsvermögen und die Wahrnehmung von Leid  sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Um dies zu verdeutlichen, nehmen wir mal ein kleines Beispiel her:

„A“ sieht das Leiden von „B“ und glaubt, dass das Leiden von „B“ viel zu groß sei, und im Vergleich sein eigenes nichts sei. „B“ wiederum sieht das Leiden von „C“ und glaubt, dass wäre überhaupt kein Leiden für ihn. So wünscht „B“ sich lieber das Leiden von „C“ gehabt zu haben, an Stelle seines eigenen Leides. „C“ wiederum sieht das Leiden von „A“ und empfindet, dass das Leiden von „A“ viel zu groß und somit unerträglich sei.

Bevor wir nun einen Schritt weiter gehen, möchte ich kurz erklären, dass es zwei Gesetze gibt. Das eine, ist das religiöse Gesetz, in dessen Licht man aufkommendes Leid auch als Prüfung begreifen kann und das andere ist das Leid, welches auf Naturgesetzen beruhend auf Ereignisse zurückzuführen ist, dessen Ursache wir entweder nicht fähig sind zu identifizieren oder dessen Ursache uns einfach nicht bewusst ist. Die Erkenntnis liegt darin, dass weder jedes Leiden als Bestrafung noch jedes Glück als Belohnung eingeordnet werden kann, denn Leid und Freude spielen in der Natur des Menschen eine verursachende Rolle. Wir brauchen Leid, um die Freude überhaupt identifizieren zu können, differenzieren zu können und spüren zu können. Das ist ein Gesetz der Natur.

Werfen wir einen kurzen Blick in die Geschichte der Evolution, werden wir feststellen, dass die Wahrnehmung für Verlust und Gewinn dort ihren Ursprung hat. Unser Gehirn entwickelte selbst den Sinn für Verlust sowie auch den Sinn für Gewinn.

Hierzu heißt es im Buch „Offenbarung, Vernunft, Wissen und Wahrheit“ vom vierten Khalifen der Ahmadiyya Muslim Jama’at, Hadhrat Mirza Tahir Ahmad (Möge Gott ihm gnädig sein) :

„Je mehr sich das Bewusstsein entwickelt, desto intensiver wächst das Gefühl von Verlust und Gewinn, das von den betreffenden Nervenzentren, die den Sinnen die Wahrnehmung von Verlust als Leiden und Gewinn als Freude durch das Gehirn übersetzt, empfunden wird. Je weniger entwickelt das Bewusstsein ist, desto geringer ist die Wahrnehmung von Leiden. Dasselbe gilt für Glück.“ (Offenbarung, Vernunft, Wissen und Wahrheit, S. 208)

Liebe Leserinnen und Leser, bewegen wir uns nicht alle Richtung Leben, wenn uns Glück und Freude widerfahren? Sind wir nicht alle ganz plötzlich voller Freude und Lebenslust? Sobald uns aber ein Verlust trifft, so bewegen wir uns Richtung Tod. Unser Zustand wird wie der eines Kranken, der glaubt, morgen vielleicht nicht mehr zu überleben. Trifft uns dann nun wieder Freude, laufen wir wieder mit aller Kraft Richtung Leben zu. Es ist genau dieser Kampf zwischen Leben und Tod, der uns überhaupt vermittelt, was nun Leid ist und was Freude.

Ohne beide zu spüren, würde das gesamte Konzept der Evolution zusammenbrechen. So kommen wir zum ersten eigentlichen Grund, warum wir überhaupt Leid ertragen. Das Naturgesetz ist so ausgelegt, dass es unmöglich ist, Verlust im Leben entgehen zu können.

Wer an dieser Stelle noch das Leiden auf die naturlich bedingten Ereignisse in Frage stellt, hat mit höchster Wahrscheinlichkeit noch die folgenden Frage im Sinn:

Wieso leiden unschuldige Kinder? Wieso leiden diese, die noch gar nicht fähig sind Leid und Freude überhaupt unterscheiden zu können? 

Auch diese Frage beantwortete Hadhrat Mirza Tahir Ahmad (Möge Gott ihm gnädig sein) in seinem Buch anhand eines Beispiels von „kranken Babys“ und „gesunden Babys“:

„Es ist falsch zu sagen, dass alle gesunden Babys gesund seien, weil sie für irgendein gutes Verhalten seitens ihrer Eltern belohnt werden. Ebenso ist es falsch zu behaupten, dass jedes kranke Baby für irgendein nicht zu identifizierendes Vergehen seiner Eltern oder Vorfahren bestraft wird. Gesundheit und Krankheit, Geschicklichkeit und Behinderung, Glück oder Unglück, angeborene Vor- oder Nachteile sind alle unerlässlich für den großartigen Plan aller Dinge, in dem sie eine verursachende Rolle spielen. Sie stehen deutlich abseits des Phänomens von Vergehen und Bestrafung, von Gutem und Belohnung. Wie wir zuvor erläutert haben, ist Leiden, wie Glück, eine erforderliche Voraussetzung für die Entwicklung des Lebens und steht im Ablauf der Evolution in gar keiner Beziehung zu dem Phänomen von Vergehen und Strafe.“ (Offenbarung, Vernunft, Wissen und Wahrheit, S. 216)

Somit ist auch hier ist festzuhalten, dass Leid in der Entwicklung des Lebens einfach dazu gehört und im Plan des Schöpfers eine wichtige Rolle einnimmt, dessen Gründe nur Er selbst kennt.

Im folgenden möchte ich nun Schritt für Schritt anhand des Heiligen Qur’ans erklären, welche weitere Gründe von Leid noch existieren. Denn in der Tat ist nicht immer nur das Naturgesetz am Leiden eines Menschen schuld. 

Im Heiligen Qur’an, welcher im Islam als das Wort Gottes gesehen wird, heißt es dazu:

„Was euch an Unglück treffen mag, es erfolgt ob dessen, was eure Hände gewirkt haben. Und Er vergibt vieles.“ (42:31)

Aus diesem Vers können wir entnehmen, dass der Mensch für sein Leid, selbst gewisse Verantwortung trägt. Wenn es im Heiligen Qur’an also heißt, „was eure Hände gewirkt haben“, müssen wir verstehen, welche tief verborgene Wahrheit dahintersteckt. Dieser Vers verdeutlicht uns, dass der Mensch als Individuum Wahlmöglichkeiten bzw. jene Entscheidungsmöglichkeiten besitzt, die eine wichtige Rolle dabei spielen, ob man nun Leid ertragen muss oder nicht. Ob einem nun Leid widerfährt oder nicht, ist manchmal einfach auch nur auf eine bewusste Entscheidung des Menschen zurückzuführen. Wird nun ein Mensch belohnt oder bestraft, so kann auch niemand anderes dafür verantwortlich gemacht werden, als der Mensch selbst. Dies wäre nun der zweite Grund warum wir Leid ertragen.

Doch warum genau gibt es denn nun Leid? Sind es tatsächlich immer unsere „Fehlentscheidungen“ auf dessen Basis wir Leid ertragen? Ist alles nun eine Vergeltung und Strafe?

Auch hierzu liefert der Heilige Qur’an selbst die Antwort:

„Segensreich ist der, in dessen Hand die Herrschaft ist; und Er vermag alle Dinge zu tun. Er ist es, der den Tod erschaffen hat und das Leben, dass Er euch prüfe – wer von euch der Beste ist im Handeln; und Er ist der Allmächtige, der Allverzeihende.“ (67: 2-3)

Die Antwort lautet also: „dass Er euch prüfe – wer von euch der Beste ist im Handeln“. Es ist also ein elementarer Plan des Schöpfers selbst, der die Menschen dem Zustand der Prüfung unterzieht, sodass die Tapferen unter Ihnen und diejenigen, die sich am besten verhalten eine höhere Existenzebene erlangen. 

In einem weiteren Vers heißt es:

„Wahrlich, Wir werden euch prüfen mit ein wenig Furcht und Hunger und Verlust an Gut und Leben und Früchten; doch gib frohe Botschaft den Geduldigen, die sagen, wenn ein Unglück sie trifft: „Wahrlich, Allahs sind wir und zu Ihm kehren wir heim.“ (2:156-157)

Für den Gläubigen, der an einen Gott glaubt und auf Ihn vertraut,  gilt also jedes Leid als stetige Verbesserung im Leben. Als jene Chance, dessen Früchte er selbst tragen wird. Wenn wir einen kurzen Augenblick in uns gehen, werden wir feststellen, dass wann immer uns Leid widerfährt oder wir eine harte Prüfung durchlaufen, dies einen erheblichen Einfluss auf unser Empfindungsvermögen hat. Es verfeinert und verbessert nicht nur unser Empfindungsvermögen, sondern lehrt uns Demut und bereitet uns auf eine Art und Weise darauf vor, sich Gott zuwenden zu können.
Es erweckt in uns das Bedürfnis und Notwendigkeit uns auf die Suche und Erforschung nach demjenigen zu begeben, der der Schöpfer aller Dinge ist.

In einem weiteren Vers aus dem Heiligen Qur’an heißt es:

„Allah belastet niemanden über sein Vermögen.“ (2:287) 

Niemand kennt uns (die Schöpfung Gottes) besser als der Schöpfer selbst. Wenn wir also jemals eine harte Prüfung im Leben durchlaufen, vergessen wir nicht, dass der gnädige, barmherzige und liebende Gott in uns jene Stärke sieht, die wir selbst in uns noch nicht entdeckt haben. Vergessen wir nicht, dass jedes Leid eine verursachende Rolle in unserem Leben spielt, dessen Plan nur Gott allein kennt. Vor allem aber, vergessen wir nicht, dass in der gesamten dunklen Zeit einer Prüfung, unser Gott uns selbst zur Seite steht und uns nicht verlassen hat.

Stellen Sie sich einmal vor, wie das Leben ganz ohne Schmerz und Leid überhaupt wäre?  Würden denn nicht ohne ein Zusammentreffen mit Schmerz und Leid, Freude und Glück voll und ganz jede Bedeutung verlieren? Leiden hätte also nur in Frage gestellt werden können, wenn es ohne im Plan der Dinge eine Rolle zu spielen als eine komplette Einheit erschaffen worden wäre. Es liegt hierin also der Schlüssel zum Verständnis des Daseinskampfes, der wiederum zu einer fortdauernden Verbesserung der Lebensqualität führt und dabei hilft, das große Ziel der Evolution zu erreichen. Leiden verfeinert und kultiviert unser Verhalten und ist uns ein Lehrer. Man kann Leid nicht entgehen, noch kann man es auslöschen, denn alles spielt im schöpferischen Plan Gottes eine essentielle Rolle. Die Freude und das Leiden gehen gemeinsam und sind somit von Natur aus unzertrennlich.

 “…Eure Freude ist euer entschleiertes Leid …Wenn ihr fröhlich seid, schaut tief in euer Herz und ihr werdet erkennen, dass nur was euch Leid gab, Freude euch schenkt. Wenn ihr traurig seid, schaut abermals tief in euer Herz und ihr werdet sehen, dass ihr in Wahrheit um das weint, was eure Freude einst war. Manche von euch sagen: Freude ist größer als Leid und andere sagen: Nein, Leid ist das größere. Ich aber sage euch, sie sind untrennbar. Sie kommen gemeinsam, und wenn das eine allein mit euch am Tisch sitzt, vergesst nicht, dass das andere in eurem Bett schläft.“
(Titel: Der Prophet, Kapitel: Von der Freude und von dem Leid, von Khalil Gibran)