Nicht unterdrückt, sondern unterschätzt: Ein Plädoyer für das Kopftuch

Samreen Malik

Teil 1

Wir markierten gestern den 1. Februar 2026.

Sehr verehrte Leserschaft,

Waren Sie schon mal in einer Situation, in der Sie sich bewusst für etwas entschieden haben und diese Entscheidung ständig rechtfertigen mussten oder sich „anders“/„fremd“ gefühlt haben?

Falls Sie dies bejahen können, wissen Sie, was es alles benötigt, anders zu sein. Falls nicht: Halten Sie gerne kurz inne und überlegen Sie gerne.

Mut. Stärke. Selbstbewusstsein. Bewusstsein seines Selbst. Identität. Selbstreflexion. Selbsterkenntnis. Geduld. Entschlossenheit. Widerstandsfähigkeit. … .Sicherlich fallen Ihnen mehr Begriffe ein, als die, die ich im Stande war aufzulisten.

Vor allem für Menschen, die eine solche bewusste Entscheidung bezüglich ihrer eigenen Identität treffen, die aber gegen die mehrheitlichen Gesellschaftswerte entgegenwirken, für diese Menschen werden diese genannten Normen und Werte zum neuen Alltag.

Das beste alltägliche Beispiel ist eine Frau mit Kopftuch. Um genau diese Frauen zu ermutigen, den (Vor-)Urteilen und Diskriminierung entgegenzuwirken, wurde der World-Hijab-Day (Welt-Kopftuchtag“) am 1. Februar 2013 eingeweiht.

Anlässlich des Welt-Koptuchtages und der kürzlich vergangenen Ereignisse in Deutschland und Österreich, habe ich mir erlaubt einige Sätze zu verfassen mit der Bitte, diese mit offenen Herzen und Verstand zu verinnerlichen.

Sehr verehrte Leserschaft,

Gleich zu Beginn möchte ich Sie darauf hinweisen, dass ich mir die Freiheit nehmen werde mich mit klarer Direktheit auszudrücken, um das Verständnis meiner angehenden Thematik so einfach und transparent wie möglich zu gestalten. Wir sind uns doch an diesem Punkt sicherlich einig, dass Verständnis eine wichtige – wenn nicht die wichtigste – Grundlage des menschlichen Daseins ist. Aus ihr geht jede Logik, jede Freude, jede Kommunikation, sowie jede Misskommunikation, jeder Konflikt und somit auch jede Art von Ungerechtigkeit aus. Daher möchte ich persönlich anmerken, dass ein Verständnis meiner weitaus debattierten Thematik nur mit Logik und Rationalität erlangt werden kann. Mein Ziel ist es nicht, bestehende Überzeugungen anzugreifen, sondern durch eine sachliche Darstellung eine Perspektive zu eröffnen, die in der aktuellen Debatte oft zu kurz kommt.

Die Thematik, mit der ich mich nun befasse, ist eines der meistdiskutierten Themen überhaupt und seien Sie versichert, dass diese Angelegenheit nicht nur auf nationaler Ebene als problematisch dargestellt wird, sondern auch im internationalen Verhältnis fälschlicherweise oft mit Begriffen wie Unterdrückung, Freiheitsberaubung und Radikalität zusammengesetzt wird. Sicherlich sind Sie in der Lage die Thematik zu entschlüsseln, denn es ist keine andere als das Kopftuch.

Es ist bemerkenswert, welch ambivalente Aufmerksamkeit einem Kleidungsstück zugesprochen wird, das man meist mit einer islamischen Religion assoziiert. Noch bemerkenswerter sind die kreativen Vorstellungen, die man über die „bemitleidenswerte“ Trägerin des Kopftuchs hat. Am bemerkenswertesten bleibt aber dennoch, so wie die jüngsten Ereignisse zeigen, dass obwohl das Kopftuch seit Jahren das meistdiskutierte Thema ist, die Mehrheit der Bevölkerung kein Verständnis für die eigentlichen Werte, die hinter dem Kopftuch stehen, hat.

Österreichs Nationalrat hat kürzlich beschlossen, dass ab dem 1. September 2026 ein Kopftuchverbot an Schulen für Mädchen bis zu ihrem 14. Lebensjahr gilt. Der angeführte Grund ist folgender:

„Zum “Schutz der kindgerechten Entwicklungs- und Entfaltungsfreiheit” wird es demnach Schülerinnen bis zu ihrem 14. Geburtstag untersagt, in der Schule ein Kopftuch zu tragen, das “das Haupt nach islamischen Traditionen verhüllt”.“

Auf diesem, nun durchgesetzten Gesetzesentwurf, folgte eine Erweiterung der Grundidee:

„[…]ein Kopftuchverbot sowie ein Verbot “einer Verschleierung” in öffentlichen Pflichtschulen für das “gesamte schulische Personal, insbesondere Lehrerinnen”.“

Nach solchen Nachrichten versucht man sich normalerweise in die Thematik weiter einzuarbeiten und sich ein Bild zu verschaffen. Nun, um das größere Bild sehen zu können, bezieht man viele Perspektiven ein, aber davon ist eine Perspektive sehr essenziell – Die Perspektive der Frauen, vor allem der betroffenen Frauen: Die Kopftuchträgerin.

1.Perspektive: Der österreichische Nationalrat hat diesem Gesetzesentwurf zugestimmt. Es ist dementsprechend auch relevant zu wissen, wie die Geschlechteraufteilung geregelt ist bzw. die Höhe der Frauenquote.

2. Perspektive:  Schön, dass 118 (= ca. 64,68%) der Männer von 183 Abgeordneten des Nationalrates über die Rechte der Frauen bzw. Schülerinnen und Lehrerinnen entscheiden. Nun, ist es umso mehr angebracht die Stimmen der (betroffenen) Frauen zu dem Thema zu hören. Schließlich geht es um sie. Verehrte Leserschaft, lassen sie uns einen Blick auf die Berichte bekannter deutscher Medien werfen:

2.1 „Fatma Akay-Türker ist die Vorsitzende der Muslimischen Frauengesellschaft in Österreich. Sie hat selbst das Kopftuch abgelegt und ist dagegen, dass man Mädchen und Frauen zwingt, das Kopftuch zu tragen. Doch ein Verbot hält sie für schwierig für die Mädchen selbst. “Sie können sowieso nicht selbst entscheiden. Sie übernehmen das von der Familie, von der Community.“

Es ist wichtig, diese Stimmen ernst zu nehmen, doch wir müssen uns fragen: Wo endet die Prägung durch das Umfeld und wo beginnt die eigene Entscheidung? Während Stimmen wie die von Fatma Akay-Türker eine grundsätzliche Unselbstständigkeit der Mädchen vermuten, beschreiben viele betroffene Frauen ihre Erfahrung gänzlich anders. Für sie ist das Kopftuch eben kein Zeichen von Fremdbestimmung, sondern ein bewusster Ausdruck ihrer Identität und ein Akt der Autonomie. Wenn wir Frauen vorwerfen, sie könnten „sowieso nicht selbst entscheiden“, entmündigen wir sie paradoxerweise genau in dem Moment.

2.2 „Integrationsministerin Plakolm (ÖVP) argumentierte im Vorfeld der Parlamentsabstimmung: Das islamische Kopftuch sei „kein harmloses Stück Stoff“, sondern ein Symbol der Unterdrückung.“

Verehrte Leserschaft, nehmen Sie sich gerne die Freiheit der Recherche, und überprüfen Sie gerne selbst, ob es sich hierbei um Frauen handeln, die erstens von dem Gesetzesentwurf direkt betroffenen sind und zweitens, ob die Stimme der Kopftuchträgerinnen über die deutschen Medien Sie direkt oder indirekt erreicht.

Nun, wenn Ihre Recherche, dasselbe ergeben hat wie meine, sollten wir zu denselben kritischen Überlegungen kommen: Wo sind die Stimmen der Kopftuchträgerinnen? Was haben diese zu der Debatte zu sagen? Und warum erreichen uns ihre Stimmen nicht?

Somit kommen wir leider zu dem Entschluss, dass die oben genannten und zitierten Berichte deutscher Medien eine stark einseitige Perspektive darlegen, was dazu führt, dass ein sehr verzerrtes Meinungsbild im Kopf der Leserschaft entsteht und es hier eine sachliche und neutrale Berichterstattung fehlt.

Zum Thema Neutralität tiefereingehend, möchte ich ebenso über eine Begebenheit bezugnehmen, die in Deutschland fast zeitgleich zu den österreichischen Durchsetzungen des Gesetzesvorschlags bezgl. des Kopftuches ereignete.

Der Kontext ist folgender: In Hessen klagte eine muslimische Juristin, weil sie wegen ihres Kopftuchs nicht als Richterin bzw. Staatsanwältin eingestellt wurde. Das Verwaltungsgericht Darmstadt hat im Monat Dezember 2025 entschieden, dass das Hessische Justizministerium ihre Bewerbung zu Recht ablehnen durfte, weil sie nicht bereit war, das Kopftuch im Kontakt mit Verfahrensbeteiligten abzulegen. Die Begründung des Gerichts lag in dem folgenden Argument: Das Tragen eines religiös konnotierten Kleidungsstücks im Gerichtssaal könne die staatliche Neutralitätspflicht beeinträchtigen.

(Genauer nachzulesen: https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/richter-bewerberin-kopftuch-klage-100.html)

Die Frage, die hier im Raum steht, lautet: Wie wird „Neutralität“ definiert? Staatliche Neutralität wird oft fälschlicherweise als eine Art urteilsfreie Uniform interpretiert, doch bei genauerem Hinsehen, erkennt man eine Verteidigung der Mehrheitsnorm. Wenn Gerichte das Kopftuch einer Juristin als Gefahr für die Unvoreingenommenheit einstufen, wird Professionalität oberflächlich an Textilien gemessen, während tiefsitzende weltanschauliche Prägungen und Denkweisen anderer Richter unsichtbar bleiben. Wenn eine Richterin ein Kopftuch trägt, zweifeln viele an ihrer Objektivität, weil man ihre religiöse Überzeugung sofort sieht. Aber was ist mit all den anderen Menschen die denselben Beruf ausüben nur mit dem Unterschied, dass sie ihre Werte nicht visualisieren? Das deutsche Neutralitätsgebot scheint zu meinen: Solange diese Menschen aber einen normalen Anzug tragen und dem gewohnten Erscheinungsbild entsprechen, gelten sie automatisch als neutral. Das ist ein logischer Fehler: Wir trauen Menschen im Anzug blind zu, dass sie Beruf und private Weltanschauungen trennen können. Einer Frau mit Kopftuch unterstellen wir jedoch allein wegen ihrer Kleidung, sie sei befangen und ihr wird die professionelle Distanz abgesprochen. Neutralitätsgebot bedeutet, dass der Staat sich nicht mit einer bestimmten Religion identifiziert und vor allem beim Kopftuch ist dieser Aspekt erfüllt, denn es ist die selbstbestimmte Entscheidung der Frau, ob sie das Kopftuch tragen möchte oder nicht. Hier wird Neutralität mit mehrheitsnormativen Darstellung verwechselt, und die Vielfalt eher unterdrückt als geschützt.Ein weiterer Vorfall in Deutschland sorgte für Aufsehen.

Hier der Kontext: In einem Talk mit Constantin Schreiber kritisiert die Frauenrechtlerin Alice Schwarzer die aktuelle Kopftuch-Debatte scharf. Sie sagt, sie habe „nicht 50 Jahre für Frauenrechte gekämpft“, um nun zu sehen, wie das Kopftuch als (vermeintlich) feministische oder kulturelle Selbstbestimmung gefeiert wird. Stattdessen sieht sie darin eine politische Ideologie, die sowohl Männer als auch Frauen erniedrige, weil sie suggeriere, ein Mann könne sich nicht beherrschen, wenn er das Haar einer Frau sieht. Schwarzer betont, ihr Männerbild 2025 sei ein anderes und lehnt diese Haltung entschieden ab.

(Genauer nachzulesen: https://www.welt.de/politik/deutschland/article6937d357c3b4893a9e2b2a7a/alice-schwarzer-und-die-kopftuch-debatte-dafuer-habe-ich-nicht-50-jahre-gekaempft.html)

Wer Frauen vorschreibt, dass wahre Emanzipation und Selbstbestimmung nur durch das Ablegen religiöser Symbole möglich ist, entmündigt sie paradoxerweise im Namen der Freiheit. Ein echter Feminismus sollte die Fähigkeit anderer Frauen anerkennen, rationale und eigenständige Entscheidungen über ihr Leben und ihre Kleidung zu treffen. Feministische Errungenschaften zielten nie darauf ab, Frauen vorzuschreiben, wie Befreiung auszusehen hat, sondern darauf, dass sie selbst entscheiden dürfen. Zwang in jeglicher Form und jeglichem Kontext, gilt stets und klar abzulehnen. Doch aus der Existenz von Zwang lässt sich nicht ableiten, dass jede Frau mit Kopftuch fremdbestimmt ist.

Feminismus, der Vielfalt ernst nimmt, muss aushalten, dass Frauen Freiheit unterschiedlich definieren, auch religiös. Frauenrechte wurden erkämpft, um Wahlfreiheit zu sichern, nicht um neue Deutungszwänge zu schaffen.

Darüber hinaus greift die Annahme eines „triebgesteuerten Mannes“ die religiösen Lehren zu kurz. Es wird oft suggeriert, das Kopftuch diene lediglich dazu, eine vermeintliche Triebhaftigkeit des Mannes zu bändigen. Diese Interpretation verschleiert die tatsächlichen religiösen Lehren statt sie zu erklären. Ein Blick in die Quellen offenbart ein weitaus differenzierteres Menschenbild: Hier wird Keuschheit als eine universelle Tugend verstanden, die für alle Gläubigen gleichermaßen gilt. Weit, bevor Fragen der Bekleidung thematisiert werden, richtet sich die Aufforderung zur Selbstbeherrschung und zum „Senken der Blicke“ explizit an den Mann.

[…] dass sie (Männer) ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen. Denn, das ist reiner für sie.

  • Der Heilige Qur’an, Surah 24, Vers 31

Wie Hazrat Mirza Masroor Ahmad erläutert, ist Integrität keine einseitige Last, sondern eine umfassende Ethik, die die Reinheit der Gedanken und des Verhaltens von beiden Geschlechtern einfordert. Die moralische Verantwortung wird somit nicht delegiert, sondern bleibt eine individuelle Pflicht zur Selbstdisziplin. In diesem Licht betrachtet, ist das Kopftuch weniger ein Zeichen des Misstrauens gegenüber dem Gegenüber, sondern vielmehr Ausdruck einer tief verinnerlichten Bescheidenheit und persönlichen Identität.

Hier, verehrte Leserschaft, treffen wir auf den Kern der Argumentation: Denn mit falschem Wissen ist ein fortschrittbringendes Gespräch nicht möglich und somit unser Ziel unerreichbar. Unser Ziel, verehrte Leserschaft, kurzgefasst ist: „Einigkeit und Recht und Freiheit {…} mit Herz und Hand“, so wie es die deutsche Nationalhymne vorschreibt. Um diesem Endzweck zu begegnen, braucht es ein Verständnis des Kopftuches und der islamischen Religion.

Fortsetzung folgt…