Wenn muslimische Frauen sichtbar werden

Ein Beitrag von Fareeha Ahmed

Was bedeutet es, deutsch zu sein? Bereits der ehemalige Innenminister de Maizière (2013-2018) hat sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt und eine deutsche Leitkultur mittels eines eigens entwickelten Zehn-Punktekataloges zu etablieren versucht. De Maizière führte zehn Eigenschaften auf, die seiner Auffassung nach Teil einer deutschen Leitkultur sind; veröffentlicht wurde sein Gastbeitrag unter dem Titel „Wir sind nicht Burka“, der mit dem Zehn-Punktekatalog eine „Richtschnur des Zusammenlebens in Deutschland“ darbieten möchte. Seine Anleitung, die er in den öffentlichen Diskurs stellte, beinhaltete die Aussage: „Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka“ (de Maizière1).

An dieser Ausführung scheint die Paradoxie der Haltung deutlich zu werden, die in die Öffentlichkeit getragen wird: Zum einen ist die deutsche Leitkultur als Haltung einer offenen Gesellschaft zu verstehen, zum anderen schließt sie insbesondere sichtbar muslimische Frauen aus. Dabei wird zwar im angeführten Zitat der Ausschluss von Burka tragenden Frauen anvisiert, jedoch lässt sich die immanente Tendenz auch auf das Hijab (islamisches Kopftuch) ausweiten. Denn die Verhüllung von muslimischen Frauen gilt nach Auffassung des Innenministers als Indiz für eine integrations- oder modernitätsfeindliche Einstellung und wird deshalb als Gegensatz zur deutschen (Leit-)Kultur gewertet. Somit werden sichtbar muslimische Frauen durch die politische Instanz des Innenministeriums im Jahr 2017 zur Antinomie der deutschen Leitkultur erklärt.

Gerade in Zeiten der kontroversen „Kopftuch“-Debatte, die sich gegenwärtig aus dem »Gesetz zur Regelung des Erscheinungsbilds von Beamtinnen und Beamten« speist, wird deutlich, wie sich politisches Denken – dargestellt am Beispiel von de Maizière – in politischem Handeln niederschlagen kann.

Bedenken zur Thematik schwingen auch bei der muslimischen Frauenorganisation Lajna Imaillah Deutschland mit, diese erklärt in ihrer Pressemitteilung zum Sachverhalt Folgendes:

„Ohne Zweifel sind von solchen Schritten vor allem muslimische Frauen betroffen, die das Kopftuch aus religiösen Gründen tragen und denen durch Beschlüsse derartiger symbolischer Tragweite die Ausübung beruflicher Tätigkeiten insbesondere aber auch gesellschaftlicher Aktivitäten im Allgemeinen erschwert wird durch die permanente Stigmatisierung, den allseits latent vorhandenen Vorwurf der Voreingenommenheit, das offensichtliche Absprechen ihrer Professionalität und die Reduzierung auf ihr äußeres Erscheinungsbild.“

Lajna Imaillah Deutschland (30.04.21). Per Gesetz unter Generalverdacht? Muslimische Frauen blicken mit Sorge auf erneute Einschränkungen des Kopftuchs. Presseabteilung der Lajna Imaillah Deutschland. 

Wie viele muslimische Frauen dies bewegt, wird  durch die kürzlich gestartete Online- Petition erkennbar, die auf das politische Handeln aufmerksam macht. Ins Leben gerufen wurde diese durch Rabia Küçükşahin, selbst Hijab tragende Frau und Studentin der Rechtswissenschaft. „Ich halte es für höchst problematisch, wenn nun aus Anlass eines Bundesverwaltungsgerichtsurteils in einem Gesetz eine Gleichsetzung von rechtsextremen verfassungsfeindlichen Symbolen mit religiösen Symbolen wie Turban, Kippa, Kopftuch oder dem Habit einer katholischen Ordensfrau stattfindet.“ (Küçükşahin2

Die Annahme, dass der Zugang zum Beamtenstatuts verwehrt werden könnte, geht nicht lediglich von der Initiatorin aus. In der Kontroverse wird deutlich, dass sichtbar muslimische Frauen, die den Beamtenstatus anstreben, das tradierte Bild der muslimischen Frau durch ihr schieres Dasein herauszufordern scheinen. Denn bisher sind in der Öffentlichkeit zwei muslimische Frauenbilder besonders relevant: Frauen, die gezwungen werden, das Hijab zu tragen und Frauen, die durch das Hijab ihr Bekenntnis zum politischen Islam ausdrücken.

Doch wie ist der Umgang mit Frauen, die durch den Hijab ihr Recht auf Selbstbestimmung und auf ihre selbstbestimmte Freiheit wahrnehmen? Dieser Umstand steht diametral zum eigentlichen Frauenbild, das sich fest etabliert hat und lässt die gewohnte Kategorisierung nichtig werden. Wenn sich muslimische Frauen in Deutschland ihrer Bildungsbiografie zuwenden und letztlich den Beamtenstatus anstreben, passen sie nicht zu dem Image, das man gerne von muslimischen Frauen hätte. Wo muslimische Frauen am Rande der Gesellschaft verortet werden und möglichst unsichtbar bleiben sollen, verlangen sie gegenwärtig nach einer (neuen) Selbstverortungsmöglichkeit und werden plötzlich im doppelten Sinne sichtbar.

Alle sichtbaren muslimischen Frauen, die als Opposition der deutschen Leitkultur definiert werden, provozieren durch den Widerstand gegen das geplante Gesetz die etablierte Normalität und somit die Norm der Mehrheitsgesellschaft. Dadurch dass sie nicht mehr in die Kategorie „ungebildet“ und „fremdbestimmt“ fallen, wird es schwieriger, sie überhaupt zu kategorisieren. 

Deshalb ist zugleich mit dem »Gesetz zur Regelung des Erscheinungsbilds von Beamtinnen und Beamten« zwingend die wesentliche Frage verbunden, wie sich die Politik gegenüber selbstbestimmten, muslimischen Frauen positionieren möchte: Macht sie die Errungenschaften der Emanzipation zunichte, indem marginalisierte Frauen stigmatisiert und ihrer Freiheit beraubt werden oder gelingt es ihr, ein muslimisches Frauenbild in die Öffentlichkeit zu integrieren, welches anschließend zu normalisieren gilt?

Ein politisches Statement, das den alltäglichen Widerspruch von muslimischem und deutschem Sein aufhebt, wäre ein erster Schritt in Richtung Normalität insbesondere weiblichen muslimischen Lebens. Es wäre eine Orientierung dahin, eine gesellschaftliche wie politische Norm anzustreben, die sichtbar muslimische Frauen nicht als Gefährdung (u.a. für den Staatsdienst) sondern zur Normalität werden lässt. 

Quellen:

  1. de Maziere, T. (29.04.2017). LEITKULTUR FÜR DEUTSCHLAND, WAS IST DAS EIGENTLICH?.„Wir sind nicht Burka“. Bild am Sonntag. Abgerufen von: https://www.bild.de/politik/inland/thomas-de-maiziere/leitkultur-fuer-deutschland- 51509022.bild.html [16. Mai 2021]. 
  2. Küçükşahin, R. (o.D.). Bundesweites Kopftuchverbot stoppen. change.org. Abgerufen von: https:// www.change.org/p/bundesweites-kopftuchverbot-stoppen [16. Mai 2021].